Standhaft und frech Einspruch erhoben

Jürg Stenzl
Frankfurter Allgemeine Zeitung
7.12.1995

Gebrauchsmusik ohne Qualitätsverlust: Zum Tod des Komponisten Reiner Bredemeyer

„Die Winterreise“ von Wilhelm Müller ist längst kein Gedichtzyklus mehr, sondern durch Franz Schuberts Vertonung ausschließlich Musik, ein Liederzyklus. 1984 hat der Komponist Reiner Bredemeyer Müllers Werk ohne Schuberts Töne gelesen und komponiert. Als scharfsinniger Künstler, als Intellektueller in der DDR erkannte er in Müller den Gleichgesinnten, einen politisch hellen Kopf im Lande der Metternich-Zensur, der durch die Blume konkrete Wahrheiten trotzdem zu sagen suchte: „Vielleicht sind die vielen Fragezeichen – 25 Stück! – die den Müllerschen Text durchwuchern, so verdammt zeitgenössisch und uns not-wendig vertraut. Der tödliche Ernst der Situation, in der sich der ‚Reisende’ permanent befindet, duldet selten temperamentvollen Widerspruch (Kontrapunkt)“, schrieb Bredemeyer zu seiner „Winterreise“ für Bariton, Horn und Klavier und fügte hinzu: „Die elegische Privatgeschichte, die Franz Schubert exzellent nachempfunden hat, wollte ich nicht repetieren. Meine sicher durch die DDR geprägte Lesart dieser Flucht eines gefeuerten Liedermachers (Wolf Biermann!) muß, glaube ich, sehr, sehr trocken, absolut unbedauernd und distanziert sachlich, nicht einmal anklagend vorgestellt werden.“ In Bredemeyers „Winterreise“ – wie auch wenig später in der Vertonung von Müllers „Die schöne Müllerin“ – kreuzen sich Bredemeyers Lebenswege, die künstlerischen wie die politischen.
Der 1929 Geborene wuchs in Breslau auf, lernte die Volks- und Realschule als „tiefbraune“ kennen, entwickelte rasch Abneigungen gegen die von Günther Bialas mit der Spielschar einstudierte passende Musik. Fünfzehnjährig wurde er 1944 als Soldat eingezogen, in den letzten Kriegswochen verschlug es ihn nach Österreich und Bayern. In einem süddeutschen Schloß der Thurn und Taxis traf er aufs exilierte Frankfurter musische Gymnasium, das, unter Kurt Thomas’ Leitung und unter SS-Schutz, Beethovens Violinkonzert aufführte. Bereits für den noch nicht Volljährigen hatte Musik, auch die ihm bisher allein bekannte „Klassische“, ihre Unschuld verloren. In München konnte er das Abitur nachholen, kam früh in den Kreis von Karl Amadeus Hartmann. Dort lernte er endlich Neue Musik kennen: Strawinsky und Bartók, Webern genauso wie Varèse, Ives und Satie. In München wurde er auch zum Theatermenschen, Theatermusiker. In München aber erkannte er außerhalb von Hartmanns Kreis vornehmlich Anpassertum und keinen glaubhaften Willen, radikale Alternativen zur jüngsten deutschen Vergangenheit zu entwickeln.
Bredemeyer wählte 1954 bewußt das „andere“ Deutschland, studierte an der Berliner Akademie der Künste und gehörte zum engen Kreis um Paul Dessau. Seine ersten Schwierigkeiten erfuhr er bereits am Ende des Studiums, als Hanns Eisler gegen sein Quintett Bedenken erhob. Angesichts der spätmodernen und mild neoklassizistischen Tendenzen und den Damoklesschwertern „Modernismus“, „Formalismus“ und „bürgerliche Dekadenz“, welche die deutschen Stalinisten schwangen, erschien ein Bredemeyer, der bei Webern, Schönberg und der musikalischen Präzision von Strawinsky ansetzte, als eine Gefahr, der die Kulturhüter bis Ende der sechziger Jahre mit konsequenter Nichtaufführung begegneten. Bredemeyer ging es um eine Musik, die bei den Großen der Neuen Musik ansetzte. Den Bruch mit diesen Vätern in Darmstadt vollzog er nicht mit. Aber er widersetzte sich der Regression jener Lehrergeneration, die problemlos überwintert hatte: Egk und Wagner-Régeny, dessen „Meisterschüler“ er gewesen ist. Mit den Brecht-Musikern teilt er die Überzeugung, daß ein Komponist jederzeit gebrauchsgerechte Musik ohne Abstriche an künstlerischer Qualität liefern sollte. Von 1957 bis 1960 wirkte er als Komponist im Berliner Theater der Freundschaft, 1961 wechselte er an das Deutsche Theater, wo er über Jahrzehnte die Bühnenmusik komponierte.
Als um 1970 eine neue Komponistengeneration, Musiker wie Friedrich Goldmann und Friedrich Schenker und das Ensemble „Neue Musik Hanns Eisler“, sich mühsam durchzusetzen begannen, durfte auch von Bredemeyers inzwischen enorm angewachsenem Oeuvre einiges erklingen und bei Peters gedruckt werden: Man lernte die ersten, ebenso kraftvollen wie kontrastreichen Klavierstücke von 1955 und 1957 kennen, und seine geistreich-witzige Beethoven-Hommage „Bagatellen für B.“ wurde sogar eine Art Erfolgsstück. Schließlich gelangte 1986 sogar seine Voltaire-Oper „Candide“ in Halle auf die Bühne, und seine Vertonung von Brechts „Neinsager“ erklang in Stuttgart.
Vom bayerischen Regen war Bredemeyer seinerzeit in die ostdeutsche Traufe gelangt – doch einschüchtern ließ sich dieser rebellische, künstlerisch wie politisch so ungemein hellhörige Kopf nie. Als 1989 selbst die Komponistenverbandsgeneräle der DDR schlagartig verschwanden, als es keinen sichtbaren Gegner mehr zu geben schien, gab es auch niemanden mehr, der an Bredemeyers Musik Interesse gezeigt hätte. Jetzt erst setzte Bredemeyers schwerste Zeit ein: Seine Musik wurde, ohne daß sie auch nur angesehen worden wäre, selbst in den Neuen Bundesländern als DDR-Schutt entsorgt. Man bearbeitet hüben wie drüben heute lieber Schubert oder Schumann, als sich auf Bredemeyers Müller- und Heine-Kompositionen einzulassen. Es fällt schwer, angesichts dieses aufrecht verbrachten Komponistenlebens, das am 5. Dezember in Berlin unerwartet endete, nicht in einen Anklageton gegen das deutsche Musikleben und seine Verantwortlichen zu fallen.
Mit Schärfe und Pfiff, ganz undeutsch witzig und heiter, frech und genau wie Villon und Heine, die er wie Arno Schmidt liebte, hat sich der Komponist Reiner Bredemeyer mit seiner Musik überall eingemischt, hat gerade dann Einspruch erhoben, wenn für ihn selbst nichts zu holen war.