Blitzend

Frank Schneider
MusikTexte, Zeitschrift für Neue Musik, Heft 62/63,
Köln, 1996, S. 26.

Man begegnete Reiner Bredemeyer selten, ohne daß er – stolz und verlegen zugleich – etwas soeben Komponiertes aus der Tasche zog. Ehe sich entziffern ließ, worum es sich handelte, durchflog er selbst den Notentext, gab Begründungen und Hintergründigkeiten preis, verwies auf klangliche Capricen oder Sottisen und brachte durch pralle Bonmots den Erfahrungs-Grund seiner Musik auf einen präzisen Begriff. Den kompositorischen Gehalt konnte auch er nicht eigentlich „erklären“, aber er hatte stets Argumente genug, um die Notwendigkeit und Zwangsläufigkeit seines Produzierens zu suggerieren. Es kam zugleich aus cholerischem Affekt und kritischem Intellekt – aus einer chronischen Gereiztheit gegenüber den Fehlern des Weltlaufs und den Fallen des Alltags, die ihn zur künstlerischen Stellungnahme drängte. Jedoch beschied er sich nicht damit, sondern wendete den permanenten Überschuß seines polemischen Potentials mit Lust an alles und gegen jeden, der ihm in die Quere kam.
Seine enorme Belesenheit erstreckte sich ebenso auf musikgeschichtliche Traktate wie auf politisch-aktuelle Panegyrik; und welcher Theoretiker auch immer ihm leibhaftig begegnete – er musste damit rechnen, von „Brede“ ohne Vorwarnung scharfzüngig und schonungslos kritisiert zu werden, wenn er sich in dessen Augen logischer Inkonsequenzen oder sprachlicher Unklarheiten, gedanklicher Schwiemeleien oder philologischer Schludereien schuldig gemacht hatte. Vor allem die Musikologen des „Sozialistischen Realismus“ mit ihrer scholastischen Systemhuberei entgingen kaum seinem ätzenden Spott, und vor allem in unzähligen Sitzungen der verschiedensten Gremien des Komponistenverbands zitterten die Leitungen, wenn er sich zu Wort meldete, und freuten sich „klammheimlich“ jene Teilnehmer, die zu feige waren, seine oft scharfen rhetorischen Attacken offen zu unterstützen. „Brede“ ähnelte dem Ereignis eines reinigenden Gewitters, das nach lethargischer Schwüle freier atmen ließ. Seine musikalischen und verbalen Blitze veränderten die Landschaft – aber als sein Land, blitzartig gewendet, nicht mehr wiederzuerkennen war, wollte sich plötzlich auch niemand mehr getroffen fühlen. Trafen sie – am Ende – nur mehr ihn selbst?