Nie ganz zu Hause

Friedrich Goldmann
MusikTexte, Zeitschrift für Neue Musik, Heft 62/63,
Köln, 1996, S. 25.

 

Bei Reiner Bredemeyers Begräbnis am 13. Dezember 1995 in Berlin erklangen zwei Solo-Stücke von ihm sowie zwei schnelle Mozart-Sätze. Das hatte er wohl selbst so gewünscht. Schnelligkeit, auch beim Abschied, gehörten zu ihm, zu seinem Verhalten, seinen Reaktionen, seiner Musik. Öfter, in glücklichen Momenten, konnte man die merkwürdige Einheit von deutlich-hellwacher Präsenz und gelöst-freiem Schweben erfahren, die er zu erstreben schien, ohne dabei naheliegende Abgründe verschwinden zu machen. In seinem auch zahlenmäßig nicht geringen Oeuvre dürfte sich etliches finden, das diese Einheit als gelungene aufweist.
Bredemeyers Musik tendiert zur Kürze – auch seine größeren Werke sind nur aus vielen Teilen zusammengesetzte, seine Oper „Candide“ steht dem Prinzip der Nummernoper näher als dem durchkomponierten Musikdrama. Dennoch neigt sie kaum zur Aphoristik. Sie baut sich vielmehr das Umfeld mit, an dem die Prägnanz einer Formulierung, einer Geste erst gemessen wird. Dabei erscheinen derartige Gesten eher behutsam, seltener mit Nachdruck, um sie ja nicht in die Nähe dessen geraten zu lassen, was ihm als „bedeutungsschwangere“ Musik zutiefst suspekt war (von daher erklärt sich wohl auch seine wachsende Bewunderung – vorsichtig – für Cage und – ziemlich emphatisch – für Feldman). Aus der europäischen Tradition waren ihm vor allem Mozart und Webern Fixpunkte. Entwicklungen interessierten ihn weniger. Er legte sich frühzeitig so etwas wie eine musikalische Sprache zurecht, die als Umfeld fungierte, in welchem die treffenden Gesten, Formulierungen zu finden waren, eine Sprache, die sich –lax gesagt – als eine Art Amalgam aus Webern und Strawinsky charakterisieren ließe. Frühzeitig auch schien für ihn dieser Sprache die Qualität des Selbstverständlichen zuzukommen, wodurch ihm schnelles Reagieren – bis hin zum Politischen – ermöglicht wurde. Sein kompositorisches Risiko lag darin, daß für andere diese Qualität des Selbstverständlichen kaum gegeben war.
Mit alledem blieb er in seinem jeweiligen gesellschaftlichen Umfeld ziemlich fremd. Die unmittelbaren Nachkriegsjahre in München waren ausgefüllt durch Nachholen des in der Nazizeit Versäumten. Die ersten Jahre der sich formierenden Bundesrepublik bereiteten ihm politisches und ästhetisches Unbehagen: da spukte zuviel restaurativer Geist. So wechselte er Mitte der fünfziger Jahre nach Ostberlin, eine tatsächliche neue sozialistische Gesellschaft noch für möglich haltend. Als Komponist indes war er in der DDR von Anfang an ein Fremder (die Musik Weberns – auch Strawinskys – galt als Zerfallsprodukt bürgerlicher Verkommenheit). Dank Paul Dessaus Einsicht fand Bredemeyer Arbeit als Schauspielkomponist (zunächst an einem Jugendtheater, dann – bis 1994 – am Deutschen Theater Berlin). So hatte er wenigstens keine ernsthaften ökonomischen Sorgen. Nach dem Mauerbau waren auf lange Jahre alle Chancen verbaut, als Komponist eben nicht nur von Bühnenmusik in Erscheinung zu treten. Das hat bei ihm tiefe Spuren hinterlassen: eine gewisse Verbitterung wich nie mehr ganz von ihm, auch nicht, als sich im Laufe der siebziger Jahre allmählich Aufführungschancen ergaben.
Fast schon paradox, daß Bredemeyer in jenen Jahren dennoch zur DDR stand, obschon er sich über deren Schwachsinn zunehmend weniger Illusionen machte. Das belegen nicht nur jene gelegentlich öffentlich gewordenen kleinen „Politskandale“, mit denen er sich immer wieder Ärger einhandelte. Mehr noch stehen dafür manche „natürlich“ nicht veröffentlichten Arbeiten. So erinnere ich mich an eine Komposition aus den siebziger Jahren, zu der ihm Thomas Körner einen Text geschrieben hatte. „Kleineres Rahmenprogramm“: die Absurdität staatsoffizieller Feierkultur wurde zur vernichtenden Selbstdecouvrierung getrieben. Nach dem Verschwinden der DDR interessierte das wiederum kaum jemanden. Er selbst genierte sich, auf seine alten Kühnheiten hinzuweisen: sie waren ihm viel zu selbstverständlich. Eher regte er sich über aktuelle bundesrepublikanische Peinlichkeiten auf (Bad Kleinen zum Beispiel). Seine „Heimkehr“ in die Bundesrepublik ohne Ortswechsel bereitete ihm nicht nur Freude: er war auf andere Weise abermals ein Fremder.
Reiner Bredemeyer – 1929 geboren in Kolumbien, lebte von 1931 bis 1995 in verschiedenen Deutschlands, nie ganz zu Hause. Ich trauere um einen guten Freund.
23. Dezember 1995